Andreas Nilges:

 

Vom historischen Arbeitsmigranten

zum euregionalen Praktikanten

 

 

Referat im Rahmen der Fachtagung

 

"Forderungen des grenzüberschreitenden Arbeitsmarktes

an die berufliche Qualifizierung in Geschichte und Gegenwart",

 

veranstaltet von der Stadt Krefeld (Fachbereich Schule, Pädagogischer und Psychologischer Dienst) und dem Regionaal Bureau Onderwijs Noord- en Midden - Limburg,

 

gefördert im Rahmen des Operationellen Programms INTERREG II der euregio rhein-maas-nord durch die Europäische Kommission, die Provinz Limburg, das Land Nordrhein-Westfalen und die Veranstalter.

 

 

Anschrift des Autors: Andreas Nilges, Dreikönigenstraße 38, D-47799 Krefeld; % 0(049)2151-801245.

 

© Stadt Krefeld, Der Oberstadtdirektor. Fachbereich Schule, Pädagogischer und Psychologischer Dienst. Krefeld, 22.04.98

Vor weiteren Veröffentlichungen wenden Sie sich an: robert.classen@krefeld.schulen.net

 

 

Inhaltsverzeichnis:

Die Niederländer und die Hanse *

Niederländer und Flamen in Ostdeutschland *

Niederländische Glaubensflüchtlinge im deutschen Exil *

Deutsche im Dienst der VOC *

Westfalen als Saisonarbeiter und Unternehmensgründer in den Niederlanden *

Die Niederlande und der Unterweserraum *

Niederländer als Arbeiter im Rheinland und Ruhrgebiet *

Limburger als Gastarbeiter in deutschen Ziegeleien *

Deutsche Bergarbeiter in limburgischen Zechen *

Deutsche Dienstmädchen in den Niederlanden *

Niederländer als Fremd- und Zwangsarbeiter 1939-1945 *

Entwicklung der deutsch-niederländischen Arbeitsmigration nach 1945 *

Literaturverzeichnis *

 

 

 

 

Andreas Nilges: Die Niederländer und die Hanse

 

Der Rhein als Handelsweg führte schon im Mittelalter zu engen Beziehungen zwischen deutschen und niederländischen Städten. Vor allem durch den Handel mit Kölner Kaufleuten kamen viele Städte der Niederlande so auch in Kontakt mit der Hanse. Diese entstand als Zusammenschluß von Kaufleuten und später auch von Städten, die sich für bessere Handelsbedingungen für ihre Mitglieder einsetzten. Vielerorts erreichte die Hanse eine Vielzahl von Privilegien für ihre Kaufleute, so z.B. besonders niedrige Zölle, Schutz durch den Landesherren und ein hohes Maß an Rechtssicherheit.

Mitte des 15. Jahrhunderts gab es in den Niederlanden etwa 20 Hansestädte. Sie waren organisatorisch dem Kölner Einflußraum zugeordnet. Zu den Hansestädten in den Niederlanden gehörten Groningen, die Städte Staveren, Kampen und Harderwijk an der Zuiderzee, sowie Zwolle, Deventer und Zutphen an der Ijssel. Am Niederrhein waren Arnheim und Nimwegen von Bedeutung und an der Maas auch Venlo und Roermond (vgl. Dollinger 1966 : 163). Auf deutscher Seite handelten diese Städte im Rheinland mit Emmerich, Wesel, Duisburg, Düsseldorf, Solingen, Neuss und vor allem natürlich mit Köln.

Über Köln wurde zum Beispiel Rheinwein und für den Schiffbau wichtiges Holz in die Niederlande verkauft. Umgekehrt erhielt das Rheinland über die Niederlande Hering und Tuche sowie Waren aus dem Baltikum wie Getreide oder Pelze. Die niederländischen Hansestädte an der Zuiderzee fungierten dabei als vorgelagerte Seehäfen von Köln.

Die holländischen und seeländischen Städte wie Amsterdam, Rotterdam oder Middelburg schlossen sich allerdings nie der Hanse an. Sie konnten nicht akzeptieren, daß das große Handelskontor der Hanse in Brügge über besondere Vorrechte verfügte, die ihren Handel empfindlich einschränkten und traten darum als erbitterte Konkurrenten der Hanse auf. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts erwiesen sich die Holländer zunehmend als Bedrohung, denn sie nutzten die gleichen Handelswege zwischen Westeuropa und dem Baltikum. Außerdem verstanden sie es geschickt, Zwistigkeiten zwischen der Hanse und europäischen Herrschern, wie dem König von Dänemark, für ihre Zwecke auszunutzen und ihren Platz einzunehmen. So trugen sie erheblich zum Niedergang der Hanse bei.

Die engen Handelsbeziehungen zwischen den Niederlanden und Deutschland bestehen aber bis heute fort. Über die Jahrhunderte blieb der Rhein dabei immer eine enorm wichtige Handelsstraße.

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Andreas Nilges: Niederländer und Flamen in Ostdeutschland

 

Wanderungsbewegungen von Niederländern und Flamen in Richtung Osten gab es seit dem 11. Jahrhundert. Im 12. Jahrhundert rief der Markgraf von Brandenburg, "Albrecht der Bär", Kolonisten ins Land. Werber zogen nach Holland, Flandern, Utrecht und Friesland, um Bauern für eine Umsiedlung zu gewinnen. Landknappheit und die ständige Gefahr durch Überschwemmungen sowie anschließende Seuchen und Hungersnöte in ihrer Heimat machten die Idee einer Umsiedlung für die Niederländer attraktiv (Oudesluijs 1995 : 26). Schon im 12. und 13. Jahrhundert entstanden erste Kolonien in Norddeutschland, Brandenburg, Anhalt und Thüringen, aber auch in Preußen und Pommern. Den Siedlern wurde häufig zugestanden, weiter nach "holländischem" Recht zu leben (Oudesluijs 1995 : 28). Die niederländischen Kolonisten hatten entscheidenden Anteil beim Bau von Deichen und Schleusen, z.B. an der Elbe. Ihre Erfahrungen beim Anlegen von Poldern und beim Bau von Wasser- und Windmühlen ermöglichten erst die Erschließung vieler Feuchtgebiete.

Im 15. Jahrhundert verlor die Landnahme im Osten erheblich an Attraktivität, da es mittlerweile in den Niederlanden bessere Wirtschaftsmöglichkeiten gab als früher.

Dennoch hatten die ortsansässigen Siedler niederländischer und flämischer Herkunft weiterhin großen Anteil an der Erschließung der östlichen Ländereien (vgl. Oudesluijs 1995 : 31).

Nach Ende des Dreißigjährigen Krieges gewann die Ansiedlung niederländischer Kolonisten wieder an Bedeutung. Sie wurden dringend gebraucht, da der Krieg die Mark Brandenburg stark entvölkert hatten. Entscheidenden Anteil an der verstärkten Ansiedlung von Niederländern hatte Louise Henriette von Oranien, die Tochter des niederländischen Statthalters Frederik Hendrik. Sie heiratete 1647 Friedrich Wilhelm I., den "Großen Kurfürsten". In den ihr überlassenen Ländereien des Amtes Bötzow, dem späteren Oranienburg, ließ sie verschiedene Musterbetriebe für Milch- und Viehwirtschaft sowie für Gemüsebau und Blumenzucht errichten. Gefragt waren in Brandenburg auch Experten für den Bau von Mühlen, die sogenannten "Mühlendoktoren" sowie Festungsbaumeister, wie Cornelis Rijkwaert oder Künstler wie der Hofmaler Willem van Honthorst. Der Enkel Louise Henriettes, Friedrich Wilhelm I., der sogenannte "Soldatenkönig", ließ später in Potsdam das "Holländische Viertel" als Wohnsiedlung für niederländische Handwerker errichten.


Ganze Gruppen von Siedlern, vor allem aus Südholland, zogen im 17. Jahrhundert nach Brandenburg. Die Trockenlegung des Havelbruchs war vor allem ein Verdienst dieser Einwanderer, folgerichtig nannte man dieses Gebiet später auch "Holländerbruch" und "Neuholland" (Oudesluijs 1995 : 32).


Als vorbildlich galten lange Zeit die Kenntnisse der Holländer in der Milchwirtschaft. König Friedrich Wilhelm I. gründete 1737 die "Lehranstalt für Butter- und Käsezubereitung" in Königshorst. Hier wurde die einheimische Bevölkerung von holländischen Experten in der Herstellung von Butter und Käse unterrichtet. Diese Einrichtung wurde ein Erfolg, denn der König gewährte Mägden, die diese Kunst erlernten, einen Brautschatz von 100 Talern, hinzu kamen die besseren Absatzchancen für die Milchprodukte, die nach bewährtem niederländischen Muster hergestellt wurden (Oudesluijs 1995 : 33f.).

Um 1800 bezeichnete der Begriff "Holländer" nicht nur einen Bewohner Hollands, sondern östlich der Elbe auch jemanden, der Milchwirtschaft betrieb. Einen Bauernhof mit Milchwirtschaft nannte man dementsprechend eine "Holländerei" (Oudesluijs 1995 : 20f.). Spuren der niederländischen Siedler lassen sich noch heute in der Mundart und in den Trachten der Mark Brandenburg nachweisen.


Seit der Wende 1989 und der deutschen Wiedervereinigung gibt es wieder niederländische Bauern, die sich in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg ansiedeln. Die Landknappheit und die strengen Umweltschutzbestimmungen in den Niederlanden haben sie nach neuen Gebieten für ihre Höfe Ausschau halten lassen. Nach der Wende ergaben sich für sie unerwartete Möglichkeiten im östlichen Deutschland. Hier konnten sie Höfe mit "etwa 1000 Hektar Ackerbauland, Schweinezucht mit Platz für 25.000 Tiere oder 400-1000 Milchkühe" erwerben (Oudesluijs 1995 : 36). In den ersten Jahren nach der "Wende" machten bereits 70-80 niederländische Bauern von dieser Möglichkeit Gebrauch.

© Stadt Krefeld, Der Oberstadtdirektor. Fachbereich Schule, Pädagogischer und Psychologischer Dienst. Krefeld, 22.04.98

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Andreas Nilges: Niederländische Glaubensflüchtlinge im deutschen Exil

 

Schon mit den ersten niederländischen Siedlern in Ostdeutschland trafen auch Missionare ein, die sich für die Christianisierung des Ostens einsetzten. Auch der lutherische Glaube wurde Jahrhunderte später in Teilen Deutschlands von niederländischen Predigern verbreitet. Der Calvinismus wurde in Deutschland ebenfalls vielerorts durch Niederländer eingeführt. Mennoniten und Calvinisten, die in Grenznähe wohnten, benutzten meist das Niederländische als Kirchensprache (Oudesluijs 1995 : 38). Auch einer der wichtigsten Vertreter der Gegenreformation in Deutschland, der Jesuit Petrus Canisius, stammte aus den Niederlanden und hieß eigentlich Pieter de Hondt (vgl. Oudesluijs 1995 : 38).

Das 16. Jahrhundert war für die niederländischen Protestanten eine unruhige Zeit, Ketzerverfolgungen und schließlich der Aufstand der Niederlande gegen die spanische Herrschaft mit seinen Feldzügen und meuternden und plündernden Soldaten bedeuteten für viele von ihnen Gefahr für Leib und Leben. Nicht wenige wichen darum nach Deutschland aus, wo seit 1555 der Augsburger Religionsfrieden galt und der jeweilige Landesfürst nach eigenem Gutdünken einen sicheren Aufenthalt gewähren konnte (vgl. Oudesluijs 1995 : 38).

Nach den Bildersturm im Jahre 1566, bei dem calvinistische Fanatiker katholische Kirchen plünderten und zerstörten, flohen zwischen 30.000 und 60.000 Menschen aus den Niederlanden. Ziel der protestantischen Flüchtlinge war London, wo es eine große protestantische Gemeinde gab, und vor allem Deutschland. Allein nach Emden zog es 4000 Niederländer, unter ihnen auch viele Kaufleute aus Amsterdam (Oudesluijs 1995 : 44). Die Stadt wurde in der Folge ein Zentrum des Widerstandes der Niederländer gegen die Spanier. Die Stadt Aachen nahm zunächst bis zu 1000 Niederländer auf, doch die anfängliche Toleranz gegenüber den niederländischen Calvinisten war nicht überall von Dauer. In Köln wurden die Niederländer, die dort mit 2000 Menschen 5 % der Bevölkerung ausmachten, in den Jahren 1570/71 vertrieben. Zuflucht fanden viele im lutherischen Frankfurt, wo sie 1590 sogar 20 % der Bevölkerung ausmachten (Oudesluijs 1995 : 45). Manche Stadt erhoffte sich von der Ansiedlung niederländischer Handwerker und Kaufleute eine Belebung der Wirtschaft. Obwohl diese positive Auswirkung oft eintrat, gab es doch auch immer wieder Probleme. Die einheimischen Handwerker und ihre Zünfte sahen die neue Konkurrenz nur ungern und auch in lutherischen Städten konnte man es oft nicht lassen, die niederländischen Calvinisten bekehren zu wollen (vgl. Oudesluijs 1995 : 45). Dies führte dazu, daß die Niederländer immer wieder umzogen und oft ganz in ihre Heimat zurückkehrten, als sich dort die Lage zu Beginn des 17. Jahrhunderts beruhigt hatte.

Zu einer weiteren Flüchtlingswelle kam es, als auf der Synode von Dordrecht 1619 die Remonstranten aus der reformierten Kirche ausgeschlossen wurden, da sie mit ihrer Vorstellung von der weitgehenden Willensfreiheit des Menschen im Gegensatz zu der calvinistischen Lehre von der göttlichen Vorbestimmung des Menschen standen. An sie richtete sich ein besonderes Angebot des Herzogs Friedrich von Schleswig und Holstein. Er wollte mit Hilfe der niederländischen Remonstranten eine ganz neue Handelsstadt gründen. Man wurde sich handelseinig und 1621 wurde der erste Grundstein in der neuen Stadt gelegt, die nach dem Landesfürsten Friedrichstadt heißt (sie liegt etwa 10 km südlich von Husum, 50 km westlich von Kiel). Die Remonstranten wurden vom Herzog mit verschiedenen Priviligien ausgestattet und konnten die Stadt nach ihren eigenen Vorstellungen, d.h. nach niederländischen Vorbild und mit niederländischen Baumeistern und Handwerkern, bauen. Im Jahre 1623 wurden auch den niederländischstämmigen Mennoniten, von denen viele in Norddeutschland lebten, besondere Privilegien zugestanden, so der Verzicht auf die Ableistung des Wehrdienstes oder auf Eidesleistung (vgl. Oudesluijs 1995 : 48f.). Handwerk und Handel der Stadt blühten durch die niederländischen Siedler tatsächlich auf, besonders die Mennoniten avancierten bald zu den erfolgreichsten und einflußreichsten Bürgern der Stadt. Eine ganz bedeutende Handelsstadt wurde Friedrichstadt aber trotz der ehrgeizigen Pläne der Herzogs nicht.

Die Niederländer, die die Oberschicht der Stadt bildeten, waren in Friedrichstadt lange Zeit dominierend, bis 1694 war Niederländisch die Verwaltungssprache der Stadt.

Ende des 18. Jahrhunderts waren jedoch die Nachkommen der niederländischen Remonstranten weitgehend ausgestorben oder in die Niederlande zurückgekehrt, als sie dort nicht mehr verfolgt wurden. Dafür zogen andere Glaubensflüchtlinge, wie Quäker, Juden, Katholiken oder Lutheraner in die Stadt, die jedoch gerade in ihrer Anlage und Architektur immer viel von ihrer niederländische Prägung behielt (Oudesluijs 1995 : 52f.).

© Stadt Krefeld, Der Oberstadtdirektor. Fachbereich Schule, Pädagogischer und Psychologischer Dienst. Krefeld, 22.04.98

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Andreas Nilges: Deutsche im Dienst der VOC

 

Die niederländische "Vereenigde Oostindische Compagnie" entstand 1602 als Zusammenschluß verschiedener Handelsgesellschaften aus Holland und Friesland, deren Schiffe nach Asien fuhren. Die VOC hatte in den Niederlanden das Monopol für den Handel mit Asien und konnte diese Vormachtstellung auch gegenüber Händlern aus anderen Ländern lange behaupten. Durch ihr weitgehendes Monopol vor allem im Gewürzhandel erzielte die VOC gigantische Gewinne und wurde zu einer Großmacht, denn die Handelsgesellschaft konnte wie ein souveräner Staat Seeleute und Matrosen für ihre Schiffe anwerben, Handelsverträge abschließen oder auch Kriege erklären und führen (vgl. Van Gelder 1997 : 33ff.).

Von Anfang an traten auch Ausländer in den Dienst der VOC. Von den insgesamt 973.000 Europäern, die im Dienste der VOC nach Asien fuhren, stammte etwa die Hälfte nicht aus den Niederlanden. Unter ihnen stellten die Deutschen wiederum das größte Kontingent und machten wohl mindestens ein Drittel aller VOC-Bediensteten aus, also mehr als 300.000 Personen (vgl. Van Gelder 1997 : 54ff.). Das Engagement der VOC in Asien hatte erhebliche Auswirkungen auf den niederländischen Arbeitsmarkt. Jedes Jahr fuhren 4000-7000 Seeleute, Soldaten und Händler der VOC nach Asien. Etwa 20.000 Mann Personal befanden sich permanent dort. Die niederländischen Bewerber reichten nicht aus, um genug Personal für Schiffe und Armee der VOC einzustellen. Außerdem hatte sich in den Niederlanden herumgesprochen, wie gefährlich der Dienst in der VOC war. Schon auf der Seefahrt zum Kap der guten Hoffnung starben 7-8 % der Mannschaft, auf dem zweiten Teilstück nach Asien dann noch einmal 10-12 % (Van Gelder 1997 : 42). In Asien angekommen, wurde es noch schlimmer. In Batavia starben im 18. Jahrhundert zeitweise 40-70% der Neuankömmlinge noch im ersten Jahr an Malaria oder anderen Tropenkrankheiten (Van Gelder 1997 : 47). Nur etwa jeder dritte Bedienstete der VOC kehrte in seine Heimat zurück.


Da immer weniger Niederländer unter diesen Umständen in der VOC dienen wollten, waren die Deutschen als Matrosen und Soldaten von großer Bedeutung. An Bewerbern mangelte es nicht, denn in Deutschland sahen damals viele junge Männer keine Zukunft für sich. Im 17. Jahrhundert hatte der Dreißigjährige Krieg weite Teile Deutschlands verwüstet. Auch im 18. Jahrhundert gab es immer wieder Kriege, die die wirtschaftliche Existenz ganzer Regionen vernichten konnten. Zudem wollte viele junge Männer den skrupellosen Werbern der preußischen Armee oder anderer Armeen entgehen. Umgekehrt gab es natürlich auch altgediente Soldaten, die kein anderes Handwerk gelernt hatten und ihr Glück in der Armee der VOC versuchten. Hinzu kamen viele, die unverschuldet oder auch selbstverschuldet in Armut geraten waren. Das konnte zu jener Zeit sehr schnell geschehen, denn wirksame soziale Sicherungssysteme gab es praktisch nicht. Schließlich gab es noch abenteuerlustige Männer, die vom exotischen Asien gehört oder gelesen hatten und es nun selber kennenlernen wollten (vgl. Van Gelder 1997 : 116f.).


Wer sich zum fünfjährigen Dienst bei der VOC verpflichtete, hatte zwar kein hohes, aber immerhin ein regelmäßiges und saisonunabhängiges Einkommen. Für Kost und Logis war weitgehend gesorgt, und außerdem gab es ja noch die Aussicht auf Kriegsbeute oder einträgliche Handelsgeschäfte. Die Deutschen waren bei ihrer Anwerbung durchschnittlich 24 Jahre alt. Von den Matrosen stammten die meisten aus Norddeutschland, die Soldaten dagegen kamen häufig aus den protestantischen Gebieten Süddeutschlands, denn Katholiken stellte die VOC in der Regel nicht ein (vgl. Van Gelder 1997 : 56).

Wenn die Deutschen dann auf einem Schiff der VOC die achtmonatige Reise nach Asien antraten, stellten sie schnell fest, warum man seinerzeit auch sagte: "Wer Vater und Mutter thod geschlagen, ist noch zu gut nach Ostindien zu gehen" (Van Gelder 1997 : 149).

Unter den rauhen Matrosen auf den Schiffen gab es kaum Solidarität, wer nicht aufpaßte oder krank und hilflos war, wurde von seinen Mitreisenden bis auf das letzte Hemd bestohlen. Es war darum ratsam, sich Freunde zu suchen, damit man sich gegenseitig beistehen konnte. Die Mahlzeiten waren eintönig, und das Wasser wurde nach einiger Zeit faulig und auch knapp. Der Vitaminmangel führten bei vielen zu Skorbut, und ein Teil der Besatzung starb auch an dieser Mangelkrankheit. Dazu kamen die beengten und unhygienischen Verhältnisse an Bord, die zu einer Läuseplage führten. Daß Reisende unter diesen Umständen Selbstmord begingen oder dem Wahnsinn verfielen, war durchaus nicht ungewöhnlich (vgl. Van Gelder 1997 : 155ff.).

Es versteht sich, daß nur gesunde und abgehärtete Männer die Reise halbwegs unbeschadet überstanden. In Asien erwarteten sie dann weitere Gefahren, wie die schon genannte Malaria oder verlustreiche Feldzüge. Von den insgesamt etwa 3000 Soldaten eines württembergischen Infanterieregimentes, das der Landesherzog 1786 an die VOC verpachtet hatte, kehrten nur 100-200 Soldaten zurück (Van Gelder 1997 : 130f.).

Die Karrierechancen der Deutschen in der VOC waren nicht gut. Die VOC hielt wenig von der Vergabe von Offiziersstellen und höheren Verwaltungsposten an Ausländer. Hinzu kam, daß die meisten Deutschen nur ungenügend Niederländisch sprachen und außerdem Lutheraner waren, während die VOC von Mitgliedern der niederländischen Reformierten Kirche dominiert wurde. Einige Deutsche schafften dennoch den Aufstieg in höhere Posten. Das mag an ihrer Tüchtigkeit gelegen haben, aber wohl auch an der Tatsache, daß durch die hohe Sterblichkeit unter den Bediensteten der VOC auch oft Posten frei wurden. Zwei Deutsche, Johann Thedens und Gustaaf Willem Baron von Imhoff, bekleideten sogar den höchsten Posten der VOC in Asien, den des Generalgouverneurs. Die meisten Deutschen konnten jedoch zufrieden sein, wenn sie es zu einem bescheidenen Vermögen brachten, z.B. durch die Ausübung eines Handwerks, durch Kriegsbeute, private Handelstransaktionen, oder indem sie ihre Kameraden beerbten (vgl. Van Gelder 1997 : 186ff.).

Wer lange genug lebte, konnte nach seiner Dienstzeit als Freibürger in Asien bleiben oder in seine Heimat zurückkehren. Die Rückreise bot dann eine weitere Möglichkeit, noch etwas Geld zu verdienen, denn man konnte eigene Handelsware, wie Gewürze, Seide, Tee oder chinesisches Porzellan mitnehmen.


Die Integration in die Gesellschaft der alten Heimat fiel den VOC-Veteranen nicht immer leicht. Die braungebrannten und mitunter exotisch gekleideten Heimkehrer erregten nicht selten Unmut in ihrer durch strikte Standesregeln geprägten Heimat. Oft trafen sie auch nach ihrer langen Abwesenheit keine Verwandten oder Freunde mehr an. Manch einer von ihnen konnte sich nicht mehr eingewöhnen und trat wieder in den Dienst der VOC, um sein Leben in Asien zu beschließen.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts machte die VOC immer mehr Verluste und mußte schließlich ihren Bankrott erklären. Am 1. Januar 1800 hörte sie offiziell auf zu bestehen. Der niederländische Staat übernahm die Schulden und auch die Besitzungen der VOC. An die Stelle des privaten Handelsunternehmens trat somit der niederländische Staat als Kolonialmacht (vgl. Van Gelder 1997 : 37ff.).

Die Zahl der Deutschen im niederländischen Kolonialdienst nahm gegenüber früher ab. Doch obwohl es eigentlich im Sinne des niederländischen Staates war, die neue Kolonialarmee nur aus Niederländern bestehen zu lassen, ließ sich diese Politik nicht immer durchhalten. Wenn längere Kriege geführt wurden, wie z.B. während des Javakrieges oder während des mehr als 30 Jahre dauernden Krieges gegen das Sultanat Atjeh auf Nord-Sumatra, mußte auch auf ausländische Söldner zurückgegriffen werden. Diese ausländischen Soldaten rekrutierten die Niederländer vor allem in Belgien und Deutschland (Bossenbroek 1992 : 249).


Die deutschen Rekruten, die im Kolonialen Werbedepot (Koloniaal Werfdepot) in Harderwijk an der Zuiderzee anheuerten, mußten zwischen 18 und 40 Jahren alt und gesund sein und gültige Ausweispapiere besitzen. Gerade in den Anfangsjahren nahm man es allerdings mit den Rekruten nicht allzu genau und heuerte auch viele Deserteure und Kriminelle an. Hierdurch gerieten die deutschen Kolonialsoldaten in einen schlechten Ruf und wurden in den Niederlanden meist als gescheiterte Existenzen betrachtet. Das Städtchen Harderwijk litt ebenfalls unter dieser Entwicklung und wurde wegen der vielen dubiosen Gestalten, die sich dort aufhielten, auch als "die Kloakenmündung von Europa" bezeichnet (Bossenbroek 1992 : 249).

Umgekehrt eckten die Niederländer mit ihrer Werbepolitik auch des öfteren in Deutschland an. Im Jahre 1830 ließ der Senat von Bremen das niederländische Konsulat schließen, weil der Konsul versucht hatte, Soldaten der städtischen Garnison zu Desertion und zum Eintritt in die niederländische Kolonialarmee zu bewegen (Bossenbroek 1992 : 250). In der Folge agierten die niederländischen Werber darum vorsichtiger, vor allem in Preußen, wo man ihre Aktivitäten mit großem Mißtrauen verfolgte.


Insgesamt traten zwischen 1815 und 1909 etwa 21.000 Deutsche in die Dienste der niederländischen Kolonialarmee, wo sie 13 % der Soldaten ausmachten. Von ihnen kehrten 85 % nie nach Europa zurück. Viele Soldaten verlängerten ihre Dienstzeit mehrmals und ließen sich schließlich ganz in Niederländisch-Ostindien nieder. Auch von den 15 % der Soldaten, die nach Europa zurückkehrten, heuerte ein Viertel erneut bei der niederländischen Kolonialarmee an (Bossenbroek 1992 : 253 f.).


Man könnte hier also von einer Form von Auswanderung sprechen. Interessanterweise stammten die deutschen Kolonialsoldaten meist aus dem Nordwesten und Südwesten Deutschlands, später auch aus dem Rheinland und dem Nordosten Deutschlands, also aus Gebieten, die an der Auswanderung in die USA in dieser Zeit ebenfalls großen Anteil hatten (vgl. Bossenbroek 1992 : 254).

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Andreas Nilges: Westfalen als Saisonarbeiter und Unternehmensgründer in den Niederlanden

 

In den Niederlanden entstand durch die wirtschaftliche Blüte im 17. und auch 18. Jahrhundert ein Arbeitskräftemangel. Tausende von Niederländern waren als Seeleute auf Reisen oder verdienten ihr Geld in Handel und Gewerbe der Hafenstädte. Auf dem Land fehlte es darum an Arbeitskräften für körperlich harte Saisonarbeiten. Dieser Bedarf sorgte für eine Sogwirkung in den benachbarten deutschen Ländern (vgl. Bölsker-Schlicht 1992 : 259). Wanderarbeiter aus Westfalen waren in den Niederlanden darum jahrhundertelang eine vertraute Erscheinung. Als Westfalen betrachtete man in den Niederlanden ungefähr das Gebiet der Bistümer Münster, Paderborn, Osnabrück, Minden und Ravensburg oder grob gesagt, das Gebiet zwischen Niedersachsen und Köln, wobei der Niederrhein und Kleve nicht hinzugezählt wurden (Van Puffelen 1984 : 33). In Westfalen gab es zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert ein starkes Bevölkerungswachstum, wodurch sich die Einwohnerzahl in etwa verdoppelte, während nicht im gleichen Maße neue Erwerbsmöglichkeiten entstanden (Bölsker-Schlicht 1992 : 258). Zehntausende von Westfalen zogen deshalb alljährlich im Frühsommer in die niederländischen Provinzen Groningen, Friesland, Nord- und Südholland, Zeeland und den nordwestlichen Teil von Brabant. Sie stammten vor allem aus dem Teil Westfalens, der westlich der Linie Osnabrück, Soest, Arnsberg lag. Die Westfalen des östlich davon gelegenen Teils zogen zur Saisonarbeit eher in Landgüter östlich der Elbe. In den Niederlanden bezeichnete man die westfälischen Saisonarbeiter oft abfällig als "hannekemaaiers" oder "mieren" (Ameisen). Meist arbeiteten sie für einen bestimmten Bauern, zu dem sie in jeder Saison zurückkehrten. Aber sie übernahmen auch viele andere Arbeiten, z.B. als Torfstecher oder als Arbeiter in Bleichen. Junge westfälische Bauern betätigten sich aber auch als Kutscher, Hafenarbeiter oder sogar als Matrosen. Arbeiter aus dem Fürstentum Lippe spezialisierten sich besonders auf die Arbeit in Ziegeleien (Bölsker-Schlicht 1992 : 261). Die Arbeitsbedingungen der Grasmäher und der Torfstecher waren extrem hart. Bis zu 16 Stunden Akkordarbeit an sechs Tagen der Woche waren die Regel, wobei die Torfstecher mitunter noch den ganzen Tag bis zu den Knien im Wasser standen. An der Nahrung wurde gespart, denn die Arbeiter wollten möglichst wenig von ihrem Lohn für Lebensmittel ausgeben. Viele Hollandgänger wurden unter diesen Umständen krank, zumal in den Moorgebieten die Malaria grassierte, an der bis zu 40 % der Wanderarbeiter erkrankten (vgl. Knottnerus 1993 : 18). Wer ernsthaft erkrankte, den erwartete ein wahres Martyrium. Schwerkranke wurden nämlich sofort aus den Niederlanden abgeschoben, da man nicht bereit war, für ihre Behandlung aufzukommen. Sie wurden auf Pferdefuhrwerken in Richtung Heimat transportiert, aber nur bis zur nächsten Gemeinde. Dort wurde dann ein weiterer Transport organisiert, um den unerwünschten Gast loszuwerden. Selbst Sterbende wurden schnell noch der nächsten Gemeinde aufgedrängt, damit man selber nicht für die Beerdigung sorgen mußte. Viele kranke Hollandgänger überlebten diese unmenschliche Behandlung nicht (vgl. Eiynck 1993 : 69f.). Als 1862 in Nieuw Buinen am Stadskanaal endlich ein Krankenhaus für die Torfarbeiter errichtet wurde, war die große Zeit der "Hollandgängerei" längst vorbei (Eiynck 1993 : 70f.).

 

Zu Beginn der Saison zogen die Westfalen in die Niederlande, die meisten zu Fuß, die wohlhabenderen mit Pferd und Wagen. Einige zogen als Wanderhändler, sogenannte Tödden durchs Land und führten Textilprodukte mit sich, die vor allem von den Frauen während der Wintermonate gefertigt worden waren. Die westfälischen Bäuerinnen waren für ihre Fertigkeit im Spinnen und Weben bekannt. Die Heimfertigung von Textilien durch Kleinbauern mit wenig Grundbesitz im Winter war auch entscheidend dafür, daß dieser Arbeitszyklus mit dem "Hollandgang" im Sommer überhaupt möglich war. Dies zeigte sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Heimweber von den Textilfabriken verdrängt wurden. Die westfälischen Kleinbauern, denen nun ein erheblicher Teil ihres Einkommens fehlte, suchten sich neue Arbeit im zunehmend industrialisierten Ruhrgebiet oder wanderten ganz aus, etwa in die USA, wodurch der "Hollandgang" weitgehend zum Erliegen kam (vgl. Lucassen 1984 : 211ff.).

Einige der ehemaligen Verkäufer von hausgefertigten Textilien hatte sich aber eine neue Existenz als Textilhändler in den Niederlanden aufgebaut, denn mancher Westfale ließ sich ganz in den Niederlanden nieder und erhielt das Bürgerrecht. Die Westfalen hatten großen Anteil an der Entwicklung des modernen Textilhandels und des Handels mit Konfektionskleidung für die niedrigen Einkommensgruppen. Das bekannteste Beispiel sind wohl die Brenninkmeyers, die bereits 1790 ein Textilgeschäft in Sneek (Friesland) eröffneten. Die 1841 gegründete Firma von Clemens und August Brenninkmeyer dürfte unter dem Namen C&A wohl jedem ein Begriff sein (Oberpenning 1993 : 117). Aber auch andere aus Westfalen stammende Familien mit Namen wie Lampe, Voss, Stockmann, Cloppenburg (Peek & Cloppenburg) und Kreynborg spielten eine wichtige Rolle im Textilgeschäft. Im neuen Bereich der Warenhäuser wurden die Westfalen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ebenfalls aktiv, als bekanntes Beispiel sei hier die Firma Vroom und Dreesmann genannt (Hibbeln 1995 : 87).

Zu den aus Westfalen stammenden Unternehmern in den Niederlanden gehörte auch der 1847 geborene Wilhelm Hibbeln. Als zweiter Sohn wohlhabender Bauern konnte er nicht den elterlichen Hof erben, erhielt jedoch seinen Erbteil ausgezahlt und legte diese Kapital gut an. Als reisender Händler zog er schon mit 20 Jahren in die Niederlande und bot Gaslampen sowie Glasflaschen und Behälter für Honig, Öl und andere Flüssigkeiten an (vgl. Hibbeln 1995 : 5f.) Da er seine Ware schon nach kurzer Zeit verkauft hatte, wurde ihm klar, daß er hier auf eine Marktlücke gestoßen war. In den Niederlanden wurden diese Produkte nur von kleinen Betrieben und nicht in ausreichender Menge hergestellt. Im Jahre 1869 ließ sich Hibbeln in Amsterdam-Oost nieder und gründete einen Großhandel für Gaslampen und Verpackungsglas. Seine Ware importierte er vor allem aus dem Ruhrgebiet, das damals schon stärker industrialisiert war als die Niederlande. Der Verkauf seiner Waren verlief so gut, daß Hibbeln bald eine Art Monopol hatte und genug Kapital erwarb, um in Amsterdam eine eigene Fabrik zu errichten. Er stellte über 350 Arbeiter ein, viele davon waren gut ausgebildete Facharbeiter aus Deutschland. Später erwarb er noch eine Metallwarenfabrik im Ruhrgebiet und zwei Glasfabriken in Wickede und Radeburg (vgl. Hibbeln 1995 : 11). Damit machte sich Hibbeln weitgehend von Zulieferern unabhängig und erreichte so eine konkurrenzlose Stellung auf dem Markt. Auch im Marketing dachte Hibbel fortschrittlich. Er beschäftigte bis zu 40 gut bezahlte und hochmotivierte Handelsreisende, die seine Produkte vor Ort an kleine Händler verteilten. Außerdem ließ er in Amsterdam als einer der ersten große und prunkvolle Ausstellungsräume und Schaufenster einrichten, was seinen Laden zu einer Publikumsattraktion machte. Bis zu seinem Tode im Jahre 1903 war Hibbelns Position als Marktführer ungefährdet. Seine Söhne, die das Geschäft nach seinem Tode übernahmen, hatten jedoch nicht die unternehmerischen Fähigkeiten und den Weitblick ihres Vaters geerbt. Ihnen gelang es nicht, sich entsprechend auf neue Produkte, wie elektrische Lampen, einzustellen, was schließlich zum Untergang und Verkauf des Hibbeln-Imperiums führte.

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Andreas Nilges: Die Niederlande und der Unterweserraum

 

Auch das norddeutsche Küstengebiet im Raum des heutigen Bremerhaven oder des Kreises Wesermünde verfügt über jahrhundertealte und enge Beziehungen zu den Niederlanden. Schon im 12. Jahrhundert traten hier Niederländer als gefragte Experten für den Deichbau auf. In den Marschen des Elbe-Weser Raums traten sie auch als Kolonisten in Erscheinung (vgl. Scheper 1972 : 10f.). Eine wichtige Rolle spielten die Norddeutschen auf niederländischen Schiffen. Beim Kampf der niederländischen Aufständischen zur See, den sogenannten Wassergeusen, gegen die Spanier stammten nicht wenige Kapitäne und Mannschaften aus dem Unterweserraum. Bekannt wurde z.B. der Kaperkapitän Hans Abels, der es zum Vizeadmiral Wilhelms von Oranien brachte (Scheper 1972 : 11). Die niederländische Walfangflotte, die im 17. und 18. Jahrhundert zu den größten ihrer Art gehörte, rekrutierte ebenfalls viele Kapitäne, Offiziere und Matrosen aus Nordwestdeutschland.


Während des "Goldenen Zeitalters" im 17. Jahrhundert übten die Niederlande eine starke Anziehungskraft auf Norddeutschland aus. So wanderten zwischen 1626 und 1675 etwa 11.000 Bremer, Hamburger und Lübecker nach Amsterdam aus (Scheper 1972 : 18).


Der "Hollandgang" als Gelderwerb war in Norddeutschland ebenso bekannt wie in Westfalen.

Im Oldenburger Land trafen sich im Frühjahr Gruppen von etwa 20-100 Männer, oft an sogenannten "Frieseneichen", von wo aus sie dann in die Niederlande wanderten. Viele arbeiteten als Torfstecher in Westfriesland (Scheper 1972 : 23). Die Saisonarbeit in den Niederlanden nahm sogar solche Ausmaße an, daß sich die einheimischen Bauern und die Obrigkeit über den Arbeitskräftemangel ernsthaft Sorgen machten mußten. Im Tecklenburger Land machten die Hollandgänger etwa ein Viertel bis ein Drittel aller arbeitsfähigen Männer aus (Bölsker-Schlicht 1992 : 256). Eine Denkschrift verkündete im Jahre 1803: "Durch dieses allgemeine Hollandgehen wird in diesen Gegenden ein solcher Mangel an männlichen Tagelöhnern und Dienstboten veranlaßt, daß es nichts Ungewöhnliches ist, während dieser jährlichen Auswanderungszeit Frauenspersonen bei Aufladen des Düngers und Plaggen zum Ackerbau und bei sonstiger männlicher Ackerarbeit beschäftigt zu sehen" (Scheper 1972 : 20).

Der "Hollandgang" verlor in Norddeutschland erst an Attraktivität, als in der Mitte des 19. Jahrhunderts aufblühende Hafenstädte wie Bremerhaven und Hamburg neue Arbeitsmöglichkeiten und die Auswanderung in die USA weitere Alternativen boten.


An der Entwicklung dieser neuen Möglichkeiten hatten ein Niederländer besonderen Anteil, der Wasserbauingenieur Jacobis Johannes van Ronzelen aus Amsterdam.


Im Jahre 1827 wurde der damals erst 27 Jahre alte Van Ronzelen vom Bremer Senat als Hafenbaudirektor und Baurat für das neugegründete Bremerhaven engagiert. Der neue Hafen war notwendig geworden, weil die Weser bei Bremen zunehmend versandete und von großen Schiffen nicht mehr angelaufen werden konnte. Gerade der Überseehandel mit Amerika versprach aber neue wirtschaftliche Chancen.


Van Ronzelen legte für den neuen Hafen einen modernen Entwurf mit Vorhafen und einer Schleuse vor, der damals Aufsehen und Bewunderung erregte. Auch Goethe interessierte sich für das Projekt und ließ sich Pläne und Karten schicken (Scheper 1972 : 31). Van Ronzelen schaffte es, mit vier niederländischen Unternehmern und etwa 900 einheimischen Arbeitern, das Hafenprojekt in der geplanten Bauzeit von drei Jahren fertigzustellen. Als Baurat von Bremerhaven nahm Van Ronzelen mit seinen Entwürfen großen Einfluß auf die Planung und Anlage der neuen Stadt und prägte damit das Erscheinungsbild Bremerhavens bis heute (Scheper 1972 : 32f.).

Seine Erfolge in Bremen machten Van Ronzelen bekannt. In Cuxhaven, Hamburg und Kiel arbeitete er an weiteren Hafen- und Schleusenanlagen, aber auch Leuchttürme und Küstenbefestigungen gehörten zu seinem Arbeitsgebiet. Als Van Ronzelen 1865 starb, hatte er entscheidend zum wirtschaftlichen Aufschwung der norddeutschen Häfen und der Küstenregion beigetragen.

© Stadt Krefeld, Der Oberstadtdirektor. Fachbereich Schule, Pädagogischer und Psychologischer Dienst. Krefeld, 22.04.98

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Andreas Nilges: Niederländer als Arbeiter im Rheinland und Ruhrgebiet

 

Als die Industrialisierung in Deutschland und vor allem im Ruhrgebiet im 19. Jahrhundert schneller voranschritt als in den Niederlanden, hatte dies erhebliche Auswirkungen auf die Arbeitsmigration zwischen diesen beiden Ländern.

Für die ehemaligen "Hollandgänger" aus Westfalen boten sich nun attraktivere Verdienstmöglichkeiten in den neuen Fabriken und Bergwerken. Große Teile der Landbevölkerung zogen in die neuen Industriestädte und hinterließen unbesetzte Arbeitsplätze für Landarbeiter, Melker oder Torfstecher, die nun für Niederländer offenstanden.

Auch die Fabriken selbst boten natürlich Arbeitsmöglichkeiten für Niederländer. So waren schon in den Jahren 1869-71 unter den etwa 7000 Einwanderern in Oberhausen 546 Niederländer (Mogs 1956 : 92). Im niederländischen Gelderland entstand um 1870 sogar ein Arbeitskräftemangel, weil so viele Arbeiter ihr Glück in Deutschland und speziell im Ruhrgebiet versuchten (Lucassen 1984 : 215). Diese Entwicklung setzte sich in den nächsten Jahrzehnten fort. Vor dem 1.Weltkrieg zogen jährlich ca. 60.000 Niederländern nach Deutschland, um dort zu arbeiten (Van den Broek 1993 : 139). Man kann davon ausgehen, daß etwa die Hälfte der Niederländer als Landarbeiter, Melker oder Torfstecher arbeitete, die andere Hälfte als Bergleute, Industriearbeiter oder Bauarbeiter (Bade 1992 : 312).

Diese Entwicklung interessierte auch die Arbeitsbörsen (Arbeitsämter) der niederländischen Städte, so schrieb im November 1907 J. Meyners, Direktor der Arbeitsbörse der Gemeinde Arnheim, einen Brief an den "Verband zur Förderung des Arbeitsnachweises" im Regierungsbezirk Düsseldorf. Darin heißt es:


"Da so viele Leute von Holland auf eigene Faust nach Deutschland ziehen, um Arbeit zu bekommen, wollte ich anfragen, ob Arbeiter von hier aus, welche in Deutschland arbeiten wollen, nicht etwa durch ihren Verband Arbeit erhalten können. Diesseits soll beobachtet werden, dass nur tüchtige Leute überwiesen werden... Ich stelle diesen Antrag an Sie, weil in Deutschland durch die viele Industrie eher Mangel an Arbeitskräften ist als hier zu lande, und hier sind Arbeitskräfte zuviel..."


Von deutscher Seite bestand durchaus Interesse an einer Zusammenarbeit. Auf einen ähnlich lautenden Brief aus Haag antwortete die "Concordia Bergbau AG" aus Oberhausen im September 1907:


"...erwidern wir ergebenst, dass hier 100 gesunde und kräftige Leute im Alter von 16 bis 25 Jahren für dauernde Beschäftigung eingestellt werden können... Die als Pferdetreiber in der Grube beschäftigten jungen Leute werden nach einiger Zeit als Schlepper verwandt und können nach etwa 2 Jahren Gedingeschlepper und Hauer werden. In unseren in allernächster Nähe der Schachtanlagen gelegenen, gut eingerichteten Menagen finden die Leute sehr billige und gute Verpflegung und Unterkunft."

 

Um die Arbeitsvermittlung besser koordinieren zu können, gründete der Verband der niederländischen Arbeitsbörsen mit Unterstützung des niederländischen Staates eine eigene Vertretung in Deutschland. Diese "Niederländische Arbeitsbörse" nahm 1909 in Homberg (heute Duisburg) ihre Arbeit auf, wurde aber schon 1911 nach Oberhausen verlegt (Stoop 1982 : 200). Von dort aus wurden niederländische Arbeitnehmer nach Deutschland vermittelt, wobei der Höhepunkt während des 1.Weltkrieges erreicht wurde, als etwa 100.000 Niederländer in Deutschland arbeiteten. Der dringende Bedarf an Arbeitern für die deutsche Rüstungsindustrie hatte die Löhne steigen lassen und machte so die Arbeit in Deutschland für noch mehr Niederländer interessant. Schon während des 1.Weltkrieges wurden die Arbeitsbedingungen aber aufgrund der schlechten Versorgung mit Lebensmitteln wieder unattraktiver. Dramatisch änderte sich die Situation nach der deutschen Niederlage im Krieg und der anschließenden Wirtschaftskrise und Inflation. Die Arbeit in Deutschland lohnte sich für viele Niederländer nicht mehr. Die Zahl der niederländischen Arbeitnehmer in Deutschland sank bis zum Jahre 1925 auf nur noch etwa 30.000 (Van den Broek 1993 : 139).

Viele Niederländer, die in Deutschland gearbeitet hatten, orientierten sich um und suchten sich Arbeit in den Limburger Kohlenminen. Die niederländische Arbeitsbörse vermittelte in den zwanziger Jahren auch deutsche Bergarbeiter nach Limburg und vor allem deutsche Dienstmädchen in die Niederlande. Niederländer kamen nur noch in geringem Umfang nach Deutschland. So konnte die niederländische Arbeitsbörse in Oberhausen zwischen 1930 und 1936 nur noch wenige hundert niederländische Arbeitskräfte nach Deutschland vermitteln (Sijes 1966 : 37).

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Andreas Nilges: Limburger als Gastarbeiter in deutschen Ziegeleien

 

Vor der Jahrhundertwende boten sich den Einwohnern Limburgs im Grenzgebiet oft nur kärgliche Einnahmequellen. Industriell war die Gegend kaum entwickelt, Arbeitsmöglichkeiten kaum vorhanden.


Die deutschen Industriegebiete jenseits der Grenze übten darum so starke Anziehungskraft auf die limburgische Bevölkerung aus, daß Limburg zu dieser Zeit gewissermaßen einen gemeinsamen Arbeitsmarkt mit dem Rheinland bildete. Im Jahre 1902 pendelten täglich mehr als 6000 Limburger zur Arbeit in den Raum Aachen, wo sie als Bauarbeiter, in Textil- und Maschinenfabriken oder als Laden- oder Dienstpersonal arbeiteten (Dieteren 1959 : 8).

Im Jahre 1900 wurden von den limburgischen Behörden mehr als 9000 Personalausweise für Limburger ausgestellt, die längere Zeit in Deutschland lebten, aber ihre niederländische Staatsangehörigkeit nicht verlieren wollten (Dieteren 1959 : 7).

Tausende von Frauen und Männern aus Limburg zogen außerdem jedes Frühjahr über die Grenze nach Deutschland, um in den Ziegeleien des Grenzgebietes aber auch im Rheinland oder im Ruhrgebiet zu arbeiten. Örtliche Subunternehmer, sogenannte "Koppelbazen", schlossen mit den Besitzern der Ziegeleien Verträge über die Herstellung eine bestimmten Menge Steine, meist eine oder anderthalb Millionen, die von einer Gruppe von etwa zehn Arbeitern zu einem festen Preis hergestellt wurden. Diese zogen dann bei Saisonbeginn an ihren Arbeitsort. Die kärglichen Besitztümer wurden eingepackt, die Kleider in Kissenbezüge gestopft und die Fenster der nun leerstehenden Wohnung vernagelt, dann ging es über die Grenze (vgl. Dieteren 1985 : 13). Der Zug der Ziegeleiarbeiter nahm solche Ausmaße an, daß manche Dörfer in Limburg während der Ziegelsaison halb entvölkert wirkten. In Schinveld etwa zogen im Jahre 1905 von 1300 Einwohnern 360 nach Deutschland, in Stein 436 von 2200 Einwohnern (Dieteren 1959 : 8).

Um die Jahrhundertwende war die Herstellung von Backsteinen fast reine Handarbeit. In harter Arbeit wurden Lehm und Sand von Hand geknetet, in die Backsteinformen gepreßt, gesäubert und zum Tocknen ausgelegt, bevor sie gebrannt wurden. Dies übernahmen vor allem die Männer, während die Kinder schon für allerlei Hilfsarbeiten eingesetzt wurden. Während der Saison für die Ziegelherstellung, die von April bis Ende August dauerte, besuchten die Kinder der Arbeiter nicht die Schule. Richtig lesen und schreiben konnten darum nur wenige.

Gearbeitet wurde an sechs Tagen in der Woche. Ein Arbeitstag begann um vier Uhr morgens, mit zwei Schnäpsen, die sich die Arbeiter auf leeren Magen genehmigten, und dauerte bis um zehn Uhr abends, wenn es Zeit für die abendliche Suppe war. Der lange Arbeitstag wurde immer wieder von kurzen Pausen unterbrochen, in denen die Arbeiter mit Essen und Trinken versorgt wurden. Neben Kaffee wurden auch immer wieder Schnäpse getrunken. Der Schnaps, ein billiger "Fusel", wurde dem Subunternehmer in 35-Liter-Fässern geliefert und während einiger Pausen kostenlos ausgeschenkt. Zwischen den Pausen mußten die Arbeiter den Alkohol selbst bezahlen (Dieteren 1985 : 16). Angesichts dieser Arbeitsumstände standen die Ziegeleiarbeiter allgemein in dem Ruf, Säufer zu sein. Vielleicht war ihr Arbeitsalltag aber nur so zu ertragen. Wenn der Sommer zu Ende ging und das Wetter feuchter wurde, endete die Saison in den Ziegeleien, da sich die Backsteine nicht mehr in der Sonne trocknen ließen. Plötzliche Regengüsse stellten während der ganzen Saison eine Gefahr für die Produktion dar, und nicht selten wurden die Arbeiter nachts aus den Betten geholt, um die ausliegenden Backsteine vor einem drohenden Gewitter in Sicherheit zu bringen.

Die Ruhepause nach der Backsteinsaison dauerte für die Arbeiter nicht allzulange. Anfang Oktober begann die Zuckerrübenernte in Deutschland, bei der viele Arbeiter mithalfen. Auch hier war der Arbeitstag lang und die Bezahlung kärglich. Zudem behandelten die deutschen Bauern die "Gastarbeiter" aus Limburg in der Regel sehr schlecht (vgl. Dieteren 1985 : 20f.).


Als 1901 die Schulpflicht für Kinder konsequenter als bisher eingeführt wurde, ließ der Zug ganzer Familien über die Grenze nach. Die Kohlenbergwerke in Süd-Limburg boten mit der Zeit neue Arbeitsmöglichkeiten. Zwar war die Arbeit hier ebenfalls hart und auch gefährlich, aber doch besser bezahlt und mit einer besseren Absicherung im Krankheitsfall versehen (vgl. Dieteren 1985 : 73). Die zunehmende Mechanisierung in den Ziegeleien, z.B. durch Ringöfen, ließ die Anzahl der benötigten Arbeiter außerdem zurückgehen. Dennoch arbeiteten manche Limburger noch in den 50er und 60er Jahren in deutschen Ziegeleien. Eine gewisse Attraktivität gewann die Arbeit im grenznahen Raum in Deutschland während des 2. Weltkrieges. Durch die Einberufung deutscher Männer zur Wehrmacht wurden viele Arbeitsstellen verfügbar. Außerdem konnten Limburger als "Grenzgänger" mit einer Arbeitsstelle in Deutschland der Einberufung zum zwangsweisen Arbeitsdienst entgehen (Dieteren 1985 : 75).

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Andreas Nilges: Deutsche Bergarbeiter in limburgischen Zechen

 

Während also Limburg über Jahrzehnte als Arbeiterreservoir für Industrie und Landwirtschaft des Rheinlandes diente, gab es aber auch eine gegenläufige Entwicklung. Das beträchtliche Wachstum der limburgischen Minenunternehmen und ihrer Zuliefererbetriebe seit der Jahrhundertwende ließ allein bis 1918 mehr als 20.000 Arbeitsplätze entstehen (Jansen 1997 : 47). Die Region Limburg konnte den entstehenden Arbeitskräftebedarf nicht selbst decken. Außer in Kerkrade hatte der Bergbau im Limburg kaum Tradition. Der Beruf des Bergmannes war bei der limburgischen Landbevölkerung kein angesehener Beruf. Viele Limburger arbeiteten darum auch nach der Entstehung der Zechen lieber weiter als Ziegeleiarbeiter in Deutschland

Darum kamen zwischen 1900 und 1930 große Mengen ausländischer Arbeiter nach Limburg. Im Jahre 1920 arbeiteten in Limburg bereits etwa 17.000 ausländische Arbeitnehmer, 1930 war diese Zahl schon auf 30.000 gestiegen (Jansen 1997 : 63). Bei den ausländischen Arbeitern handelte es sich vor allem um Deutsche, Belgier, Österreicher und Polen. In Heerlen machten die Deutschen 1930 als größte ausländische Gruppe mit mehr als 6000 Menschen etwa ein Sechstel der Bevölkerung aus. Zwischen 1907 und 1935 lag der Ausländeranteil in den Limburger Minen zwischen 15 % und 32 %, im Durchschnitt bei etwa 25 % (Dieteren 1959 : 33f.)

Die limburgischen Zechen waren dabei für deutsche Bergleute nicht immer gleich interessant. Normalerweise war die Bezahlung in Deutschland besser, ebenso die Infrastruktur und die soziale Absicherung durch die Knappschaftsversicherung. Die Lage veränderte sich jedoch in Krisenzeiten. Während des großen Bergarbeiterstreiks im Jahre 1905 zog es viele Bergleute aus dem Ruhrgebiet nach Limburg. Noch stärker wirkte sich die Inflation in Deutschland nach dem 1. Weltkrieg aus. Die in den Jahren 1920-1923 in Limburg verdienten "harten Gulden", boten in der von Inflation geplagten Heimat einen erheblichen Kaufkraftbonus. Die Zuwanderung deutscher Bergarbeiter nahm in jenen Jahren kräftig zu. Im französisch besetzten Saargebiet warben die Limburger Minen 1920 mehr als 5000 deutsche Arbeiter an. Im Jahre 1922 pendelten etwa 11.000 Deutsche zur Arbeit in der limburgischen Minenregion (vgl. Dieteren 1959 : 51ff.).

Das schnelle Wachstum der Bergbauindustrie stellte die betroffenen Regionen Limburgs vor große Probleme. Die Infrastruktur der Region kam anfangs mit der zunehmenden Verstädterung nicht mit. Es mangelte an Wohnraum, Verkehrsmitteln, Krankenhäusern, Schulen und Geschäften. Unter den ausländischen Bergarbeitern herrschte eine große Fluktuation. Die jungen und unverheirateten Männern, die "Nomaden der modernen Großindustrie", integrierten sich nur schlecht in die einheimische Bevölkerung. Wenn die Löhnung ausgezahlt wurde, war das für viele Bergarbeiter Grund zum Feiern und zum Trinken. An Zahltagen kam es darum häufig zu Schlägereien, an denen meist deutsche Bergarbeiter beteiligt waren (vgl. Dieteren 1959 : 70f.). Als problematisch erwies sich vor allem die Wohnungsnot in den Minenregionen. Da nicht genug Wohnungen vorhanden waren, nahmen viele Familien sogenannte Kostgänger auf. Das heißt, sie vermieteten ein oder mehrere Zimmer ihres Hauses an Junggesellen. Dadurch herrschte in den Häusern drangvolle Enge. Teilweise benutzten sogar mehrere Bergarbeiter, die im Schichtdienst arbeiteten, ein und dasselbe Bett. Viele Familien zerbrachen an dieser sozialen Situation. Alkoholismus, Ehebruch und Verwahrlosung von Kindern kamen in einem Ausmaß vor, den die Agrarregion Limburg zuvor nicht gekannt hatte. Anfang des Jahrhunderts schien Limburgs Minenregion darum eine Art "wilder Süden" der Niederlande zu sein. Erst in den zwanziger und dreißiger Jahre wurde die Infrastruktur entscheidend verbessert und die vielen Migranten, so sie nicht schon wieder abgewandert waren, besser in die limburgische Gesellschaft integriert.

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Andreas Nilges: Deutsche Dienstmädchen in den Niederlanden

 

Heute wird fast nicht über sie gesprochen, aber in den zwanziger und dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts waren deutsche Dienstmädchen in den Niederlanden eine wichtige und auch vieldiskutierte Erscheinung. Die starke Abwanderung junger deutscher Frauen in die Niederlande war vor allem eine Folge des 1.Weltkrieges. Der verlorene Krieg, seine enormen Kosten und die Reparationsforderungen des Versailler Vertrages lösten in Deutschland eine schwere Inflation und Wirtschaftskrise aus. Dies führte zwangsläufig zu einer zunehmenden Arbeitslosigkeit und Verarmung erheblicher Teile der Bevölkerung. Betroffen waren nicht nur Arbeiterfamilien sondern auch die Mittelschicht, wie z.B. kleine Selbständige, die ihre Ersparnisse und ihr Einkommen verloren. Auch die Töchter von Mittelschichtfamilien mußten sich nun nach einer Tätigkeit umsehen. Dies war aber nicht einfach, da weder ausreichend Lehrstellen noch Arbeitsstellen vorhanden waren. Auch eine Ehe bot weniger Sicherheit als früher, da viele Männer ebenfalls keine Arbeit hatten und durch die hohen Verluste an jungen Männern im Krieg ein erheblicher Frauenüberschuß bestand. So sahen viele junge Frauen, deren Familien früher selbst Hauspersonal beschäftigt hatten, sich gezwungen, als Dienstmädchen in "Stellung" zu gehen (vgl. Henkes 1995 : 29).


Die Niederlande kamen dabei aus verschiedenen Gründen als Arbeitsplatz in Frage. Zunächst waren die Niederlande als neutrales Land nicht am Weltkrieg beteiligt gewesen und hatten darum, trotz einiger Einschränkungen, die Kriegszeit wirtschaftlich und gesellschaftlich weitgehend unbeschadet überstanden. Außerdem hatten während des Weltkrieges und danach Zehntausende von Kindern aus Deutschland, Österreich und Belgien einen Ferienaufenthalt in den Niederlanden verbracht. Eingeladen wurden sie von der Organisation "Centrale voor Vakantiekinderen", die armen und gesundheitlich gefährdeten Kindern einen Erholungsaufenthalt in den Niederlanden ermöglichte (Henkes 1995 : 31). Viele von ihnen hatten dabei einen sehr positiven Eindruck von den Niederlanden gewonnen, und manche junge Frau konnte sich darum gut vorstellen, in die Niederlande zurückzukehren und eventuell auch als Dienstmädchen in der ehemaligen Gastfamilie zu arbeiten. Dann gab es in den Niederlanden einen wachsenden Bedarf an Dienstmädchen, da viele junge Frauen lieber eine Stellung in einer Fabrik annahmen als Dienstmädchen zu werden. Schließlich bot die Arbeit in der Fabrik nicht nur mehr Lohn, sondern auch kürzere und geregeltere Arbeitszeiten und mehr Freiheit, da die jungen Frauen in einem eigenen Haushalt wohnen konnten und nicht mehr unter der Aufsicht der Arbeitgeber standen.


Viele reiche Familien suchten Hauspersonal, darunter auch deutschstämmige wie die Familien Dreesman und Brenninkmeyer. Auch die in den Niederlanden stark vertretene Mittelklasse suchte verstärkt nach Hauspersonal. Unter diesen Umständen war es nur logisch, daß eine zunehmende Zahl von jungen deutschen Frauen eine Stellung in den Niederlanden annahm. Zunächst handelte es sich bei dieser Bewegung um eine sogenannte Kettenmigration, das heißt, ein deutsches Dienstmädchen, vielleicht ein ehemaliges Ferienkind, animierte auch Verwandte und Freundinnen durch positive Berichte nach Hause, sich eine Stelle in den Niederlanden zu suchen. Mitunter wurden sie dazu auch von ihren Arbeitgebern aufgefordert, deren Freunde und Bekannte ebenfalls ein deutsches Dienstmädchen einstellen wollten (Henkes 1995 : 38).

Aber auch die organisierte Vermittlung von Dienstmädchen wurde aufgenommen. In Den Haag gründete die "Nederlandse Vereeniging voor Huisvrouwen" 1920 ein Vermittlungsbüro, und in Oberhausen existierte schon seit 1911 die "Nederlandse Arbeidsbeurs" ein Art deutsch-niederländisches Arbeitsamt (Henkes 1995 : 40).

In Deutschland sah man diese Entwicklung nicht nur positiv. Viele Zeitungen wiesen auf sittliche Gefahren hin, denen die jungen Frauen ausgesetzt sein würden. In den zwanziger Jahren herrschte weitverbreitete Angst vor "Mädchenhändlerringen", die Frauen entführten und zur Prostitution zwangen (vgl. Henkes 1995 : 40). Doch auch Sorgen und Ermahnungen der Eltern konnten viele Frauen nicht von der Reise in die Niederlande abhalten. Dabei dachten die meisten nicht an eine dauerhaften Ansiedlung in den Niederlanden. Ihnen ging es vor allem darum, selbständig zu werden und sich eine finanzielle Basis für eine Zukunft in Deutschland zu schaffen. Darum herrschte eine starke Fluktuation unter den neuen Arbeitskräften aus Deutschland. Im Durchschnitt blieben sie etwa drei Jahre in den Niederlanden. Dabei nahm diese Erscheinung enorme Ausmaße an. Schätzungsweise kamen von 1920-1924 zwischen 100.000 und 300.000 deutsche Dienstmädchen in die Niederlande (Henkes 1995 : 42).

Angesichts dieser Dimension befaßten sich auch zunehmend staatliche und kirchliche Institutionen mit dem neuen Phänomen. Seit 1919 gab es das Reichswanderungsamt, das in seinen "Auswandererberatungsstellen" Informationen über Formalitäten und Risiken der Auswanderung erteilte. Evangelische und katholische Organisationen versuchten außerdem im Rahmen der Bahnhofsmission, die jungen Frauen auf ihrem Weg zum neuen Arbeitgeber zu betreuen und vor Gefahren, wie den bereits genannten Mädchenhändlern, zu schützen. Außer an den Bahnhöfen wo sie Orientierungshilfe und Betreuung boten, gründeten sie auch sogenannte "Grenzheime", wie z.B. in Emmerich, wo es auch Übernachtungsmöglichkeiten für reisende Frauen gab. Zu tun gab es genug, in Emmerich wurden allein in fünf Monaten 10.344 Frauen auf dem Weg in die Niederlande und 2314 Rückkehrerinnen registriert (Henkes 1995 : 45).

In den Niederlanden wurden die Dienstmädchen zunächst begeistert aufgenommen. Sie galten im Vergleich zu ihren niederländischen Kolleginnen als gut ausgebildet, preußisch diszipliniert (damals noch als positive Eigenschaft angesehen), anspruchslos und gehorsam bis zur Untertänigkeit. Doch bald gab es auch Kritik. Manche Arbeitgeberin warf ihrem deutschen Dienstmädchen mangelnde Sparsamkeit oder sogar Verschwendungssucht vor. Ursache war wohl der Eindruck der deutschen Dienstmädchen, in den reichen Niederlanden nicht mehr so genau haushalten zu müssen wie in der armen Heimat. Wenig begeistert über die neue Konkurrenz waren auch die niederländischen Dienstboten. Ihr "Bond van Huispersoneel" sah seine Bemühungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen durch die allzu anspruchslosen deutschen Dienstmädchen unterlaufen und außerdem die Arbeitsplätze von niederländischem Personal gefährdet. Die öffentliche Kritik an der Zuwanderung veranlaßte die niederländische Regierung 1923 zu einer ersten Untersuchung der Situation in diesem Arbeitssektor. Es wurde jedoch festgestellt, daß sich Angebot und Nachfrage ziemlich die Waage hielten und kein Grund zur Beunruhigung bestand (Henkes 1995 : 48).

Im Jahre 1923 trat dann ein erster Umschwung ein. In Deutschland wurde die "Rentenmark" eingeführt, die schlimmste Zeit der Inflation war vorbei. Langsam besserte sich die wirtschaftliche Situation in Deutschland. Viele Dienstmädchen kehrten daraufhin in ihre Heimat zurück. Dies führte wiederum zu einem steigenden Bedarf an Dienstmädchen in den Niederlanden "Komen de Käthchens terug?" fragte der "Nieuwe Courant" damals. Von niederländischer Seite wurden nun verstärkt um deutsche Dienstmädchen geworben (Henkes 1995 : 50).

So traf in den Jahren 1924-1925 die zweite Welle deutscher Dienstmädchen in den Niederlanden ein. Diese 2. Generation deutscher Dienstmädchen unterschied sich in manchen Punkten von der 1. Generation. Sie rekrutierte sich weniger aus verarmten Mittelschichtfamilien, sondern vielmehr aus jungen Frauen aus den traditionellen Arbeitervierteln des Ruhrgebietes. Diese hinterließen einen weniger positiven Eindruck als ihre Vorgängerinnen. Sie verhielten sich weniger unauffällig und erschienen vielen Niederländern als laut, ordinär und sittenlos (vgl. Henkes 1995 : 53). Von den katholischen Dienstmädchen in Den Haag stammte etwa die Hälfte aus dem Ruhrgebiet, jeweils etwa 10% stammten aus Westfalen oder dem Rheinland. Frauen aus Ostdeutschland waren kaum vertreten (Henkes 1995 : 250).

 

Die höchsten Löhne wurden den Dienstmädchen in den Großstädten im Westen der Niederlande gezahlt. Darum zählten Amsterdam, Den Haag oder Haarlem zu den gefragten Arbeitsorten. Die Löhne waren frei vereinbar, lagen aber meist zwischen 30 und 40 Gulden pro Monat bei freier Kost und Logis. So erhielt das Dienstmädchen Lydia Rejek 1927 in Den Haag 30 Gulden pro Monat. Zweimal pro Woche hatte sie abends nach acht Uhr frei sowie alle vierzehn Tage sonntags. Der Jahresurlaub betrug 14 Tage. Ihr Monatslohn von 30 Gulden entsprach damals einem Gegenwert vom 50 Mark; in Deutschland hatte sie lediglich 22 Mark im Monat verdient (Henkes 1995 : 51f.). Der Arbeitstag eines Dienstmädchens begann meist um 7.00 Uhr und dauerte bis gegen 22.00 Uhr. Er umfaßte eine Vielzahl von Tätigkeiten wie Putzen, Kochen, Servieren, Einkaufen, Waschen und ähnliche Haushaltstätigkeiten. Wenn Dienstmädchen bei Bauern angestellt waren, so konnte der Arbeitstag allerdings auch noch früher anfangen, wenn z.B. bei Tagesanbruch erst noch die Kühe gemolken werden mußten.

Da sie sich in den Niederlanden meist in einer unsicheren Position fühlten, arbeiteten die deutschen Mädchen oft länger und härter als ihre niederländischen Kolleginnen. Wieviel und wie lange gearbeitet werden mußte, hing natürlich vom jeweiligen Arbeitgeber ab. Ebenso die Behandlung der Dienstmädchen. Hier gab es eine weite Bandbreite von einer sehr herablassenden Behandlung bis zur fast familiären Vertrautheit. Die spärliche Freizeit verbrachten viele Dienstmädchen gerne in konfessionell geprägten deutschen "Mädchenvereinen". Auch die Arbeitgeber sahen diese Freizeitbeschäftigung gerne, da die Dienstmädchen so auch in ihrer Freizeit unter Aufsicht waren und keine unerwünschten Kontakte zu Männern knüpfen konnten (vgl. Henkes 1995 : 90f.).

Die Weltwirtschaftskrise nach dem Schwarzen Freitag 1929 verschlimmerte die wirtschaftliche Situation in Deutschland. Viele deutsche Männer und Frauen versuchten, in den Niederlanden Arbeit zu finden. Doch obwohl die Wirtschaftslage in den Niederlanden noch stabiler war als in Deutschland, gab es auch hier immer mehr Arbeitslose. Die niederländische Regierung ergriff darum restriktivere Maßnahmen, um die unerwünschten Zuwanderer aus dem Land zu weisen. Im Herbst 1931 wurden die Grenzkontrollen verschärft. Mädchen unter 18 Jahren, die keinen festen Arbeitsvertrag vorweisen konnten, wurden gleich an der Grenze zurückgeschickt. Nach dem "Vreemdelingenwet" von 1849 konnten beschäftigungslose Ausländer sofort ausgewiesen werden. Dieses Gesetz wurde nun verstärkt angewandt (Henkes 1995 : 121f.). Außer Arbeitslosigkeit waren auch Krankheit, Schwangerschaft oder eine unerwünschte Liebschaft der Dienstmädchen Grund genug für eine Ausweisung. Eine Beschwerde des Arbeitgebers reichte dabei aus. Die deutschen Dienstmädchen waren demgegenüber praktisch rechtlos, was einige Arbeitgeber ausnutzten, um ihren Dienstmädchen bei Meinungsverschiedenheiten mit Entlassung und der sofortigen Ausweisung zu drohen. Auch die öffentliche Kritik an den deutschen Dienstmädchen wuchs. Ihnen wurde vorgeworfen, den einheimischen Frauen nicht nur die Arbeit, sondern auch noch die heiratswilligen Männer wegzunehmen. Es wurden Forderungen laut, daß in der Industrie arbeitende Frauen ihre Stellen für arbeitslose Männer räumen sollten. Die Frauen sollten dann als Dienstmädchen arbeiten und die deutschen Dienstmädchen, damals etwa 35-40.000, das Land verlassen. Eine gesetzliche Regelung in diesem Sinne wurde zwar erwogen, dann aber fallengelassen. Zum einen erschien es sinnlos, niederländische Frauen zur Arbeit als Dienstmädchen zu zwingen, andererseits hatten aber auch die deutschen Dienstmädchen eine Lobby, denn viele einflußreiche Arbeitgeber wollten nicht mehr auf sie verzichten (Henkes 1995 : 132f.). Dennoch wurde die Situation für deutsche Dienstmädchen zunehmend schwieriger. Bei Verlust der Arbeitsstelle wurden die Frauen oft sofort abgeschoben, ohne daß ihnen überhaupt Gelegenheit gegeben wurde, sich eine neue Arbeitsstelle zu suchen.

Aber auch aus Deutschland wurde Druck auf die deutschen Dienstmädchen in den Niederlanden ausgeübt. Die Nationalsozialisten sahen es nicht gerne, daß deutsche Frauen einem Beruf ergriffen anstatt Hausfrau und Mutter zu sein, schon gar nicht im Ausland oder gar als Dienstmädchen bei einer jüdischen Familie. Über deutsche Organisationen in den Niederlanden wurde Druck auf die Frauen ausgeübt. In manchen Fällen, insbesondere bei Frauen, die bei jüdischen Familien arbeiteten, wurde sogar mit Repressalien für die Familie in Deutschland gedroht, um die Dienstmädchen zur Aufgabe ihrer Stelle zu bewegen. Dieser Druck und die durch Arbeitsdienst und Rüstungsprogramme sinkenden Arbeitslosenzahlen in Deutschland veranlaßten dann doch viele Dienstmädchen zur Heimkehr. Im Jahre 1938 sorgte die sogenannte "Hausmädchenheimschaffungsaktion" der deutschen Regierung für Unruhe. Die deutschen Dienstmädchen sollten bis zum Februar 1939 heimreisen, andernfalls sollte ihnen die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen werden. Die Aktion war kein großer Erfolg, denn die Dienstmädchen, die jetzt noch in den Niederlanden ausharrten, hatten zumeist eine enge Verbindung zu ihren Arbeitgebern aufgebaut oder einen niederländischen Verlobten oder Freund und dachten nicht an eine Rückkehr nach Deutschland. Aber auch die Heirat mit einem Niederländer war ein schwieriges Unterfangen, da deutsche Behörden die nötigen Papiere nur widerstrebend ausstellten. Nach der Besetzung der Niederlande im Mai 1940 versuchte die deutsche Besatzungsmacht wiederum, die noch verbliebenen Frauen zur Rückkehr zu bewegen. Wer trotzdem blieb, wurde zum Eintritt in NS-Frauenorganisationen gedrängt oder schließlich auch zur Arbeit für die Besatzungsbehörden, in Einzelfällen sogar für Abhördienste der Gestapo verpflichtet (vgl. Henkes 1995 : 184). Die deutschen Frauen in den Niederlanden befanden sich in einer schwierigen Lage, einerseits fühlten sie sich den Niederlanden verbunden, gehörten andererseits aber der Nation der Besatzer an. Viele von ihnen setzten sich für ihre niederländischen Arbeitgeber, Freunde oder Verwandten ein, einige arbeiteten sogar für den Widerstand. Dennoch wurden sie oft nach der Befreiung mit Kollaborateuren zusammen interniert und hatten es mitunter schwer, ihre Unschuld zu beweisen. In der antideutschen Stimmung der Nachkriegszeit drohte ihnen ebenso wie deutschen Emigranten die Abschiebung nach Deutschland.

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Andreas Nilges: Niederländer als Fremd- und Zwangsarbeiter 1939-1945

 

Die Nationalsozialisten hatten die Arbeitslosigkeit in Deutschland unter anderem durch riesige Investitionen in die Rüstungsindustrie beseitigt. Dadurch entstanden sogar freie Arbeitsplätze, die von Niederländern eingenommen werden konnten. Nachdem bis 1936 kaum Niederländer zum Arbeiten nach Deutschland kamen, vermittelte die niederländische Arbeitsbörse in Oberhausen 1937 schon wieder 8000 Niederländer nach Deutschland, wovon 87% als Landarbeiter tätig wurden. Im Jahre 1938 wurden sogar 18.000 Niederländer nach Deutschland vermittelt. Sie arbeiteten nun zunehmend auch in der Baubranche, nur noch 45% waren Landarbeiter (Sijes 1966 : 37). Der niederländische Staat war sehr daran interessiert, möglichst viele Arbeitslose nach Deutschland zu vermitteln. Seit 1936 konnten die niederländischen Arbeitsämter sogar das Arbeitslosengeld sperren, wenn eine angebotene Beschäftigung in Deutschland grundlos abgelehnt wurde. Eine Ablehnung der Politik Nazi-Deutschlands wurde dabei meist nicht als ausreichender Grund akzeptiert. In vielen Arbeitsämtern wurde den Arbeitslosen gesagt, sie gingen schließlich zum Arbeiten nach Deutschland und nicht, um dort Politik zu betreiben. Diese Haltung änderte sich erst nach dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939. Nun wurde es den Arbeitslosen freigestellt, ob sie eine Arbeit in Deutschland annehmen wollten (Sijes 1966 : 37ff.).

Mit Beginn des Krieges und der Einberufung von immer mehr deutschen Männern entstand in Deutschland ein zunehmender Mangel an Arbeitskräften. Dieser sollte auch durch die Anwerbung von ausländischen Arbeitern beseitigt werden. Doch die Anwerbung ziviler Arbeitskräfte verlief zunächst wenig erfolgreich. Schon im Mai 1939 hatten bereits etwa 84.000 Niederländer in Deutschland gearbeitet. Auch nach der deutschen Besetzung der Niederlande im Mai 1940 änderte sich das Bild zunächst nicht sehr. So waren es im September 1941 nicht viel mehr als 90.000 Niederländer, von denen etwa 50.000 als sogenannte Grenzgänger im deutschen Grenzgebiet zu den Niederlanden arbeiteten (Herbert 1985 : 99). Dabei funktionierte die Anwerbungspolitik der Nazis sozusagen nach dem Prinzip "Zuckerbrot und Peitsche". Zunächst waren die niederländischen Arbeitskräfte Freiwillige, die mit rosigen Schilderungen der deutschen Arbeitsverhältnisse nach Deutschland gelockt wurden. Tatsächlich waren sie arbeitsrechtlich den deutschen Arbeitern weitgehend gleichgestellt (man darf dabei aber nicht vergessen, daß auch die deutschen Arbeitnehmer im Nationalsozialismus weitgehend entrechtet waren). Da sie von den Nazis als "Arier" eingestuft wurden und damit als gleichwertige Menschen galten, erhielten sie den gleichen Lohn wie deutsche Arbeiter und arbeiteten unter vergleichbaren Bedingungen. Im Gegensatz hierzu wurden z.B. Polen von den Nazis als minderwertig eingestuft, was man sie in jeder Hinsicht spüren ließ. Obwohl die Niederländer also materiell zunächst nicht schlechter gestellt waren als die deutschen Arbeiter, machte sich bei ihnen schnell Unzufriedenheit über die Tätigkeit in Deutschland breit. Die Arbeitsverhältnisse in den deutschen Betrieben und im Baugewerbe waren von den Werbern meist viel zu positiv dargestellt worden. So hatte man z.B. vielen Niederländern versprochen, daß sie für niederländische Bauunternehmen in Deutschland arbeiten würden, in Wirklichkeit fanden sie sich dann aber z.B. in einem Betrieb der Firma Krupp wieder (Herbert 1985 : 110). Dazu kam, daß viele Deutsche sich daran störten, daß Ausländer die gleichen Löhne erhielten wie sie und ihnen deshalb ablehnend gegenüberstanden. Die wachsenden Unzufriedenheit der niederländischen Fremdarbeiter führte immer häufiger dazu, daß Arbeiter ihren Arbeitsvertrag brachen und einfach in die Niederlande zurückkehrten. Auf einer Großbaustelle in Sachsen verließen sogar 74% der Niederländer und Belgier vertragswidrig ihren Arbeitsplatz (Herbert 1985 : 111). Den Nazis war diese Entwicklung ein Dorn im Auge. Problematisch war zudem, daß viele enttäuschte Niederländer ihre Arbeitsverträge nicht mehr verlängerten. Um mehr Kontrolle über die niederländischen Arbeiter zu erhalten, wurde fortan mehr Zwang ausgeübt. Im September 1942 wurde die sogenannte "Dienstverpflichtung" eingeführt. Zwar bleiben die Rechte der Arbeitnehmer theoretisch weitgehend gewahrt, aber die Arbeitsverträge galten nun unbefristet und bei Vertragsbruch drohten Strafen. Ein Arbeitsplatzwechsel nach eigener Entscheidung war nicht mehr erlaubt, und Vertragsbruch führte zum Verlust des Anspruchs auf Lebensmittelkarten (Schumann 1990 : 184). Die Zahl der in Deutschland arbeitenden Niederländer war 1942 auf 153.000 gestiegen (Herbert 1985 : 180f.).

Eingesetzt wurden z.B. sie in folgenden Bereichen :

Landwirtschaft 8,2 %

Bergbau 1,8 %

Metallindustrie 32,4 %

Chemie 3,5 %

Bau 11,9 %

Verkehr 6,8 %

Überproportional stark vertreten waren die Niederländer in der Chemieindustrie und im Baugewerbe (Herbert 1985 : 271). Was die berufliche Qualifikation der niederländischen Arbeiter angeht, existieren Zahlen der Gußstahlfabrik Krupp in Essen. Dort waren 23,2 % der Niederländer Facharbeiter, 51 % waren angelernte Arbeiter und 25,7 % Hilfsarbeiter (Herbert 1985 : 206). Die Arbeitsleistung der niederländischen Arbeiter wurde dabei z.B. in der Essener Gußstahlfabrik von Krupp nur als "mittelmäßig" beurteilt. Sie erreichte angeblich nur 62 % der Leistung eines deutschen Arbeiters, während die französischen Kriegsgefangenen 84,7 % und die unterernährten sowjetischen Kriegsgefangenen nur 41,7 % erreicht haben sollen (Herbert 1985 : 207).

Der Arbeitskräftemangel in Deutschland verschärfte sich 1943 dramatisch. Durch zunehmende Verluste an der Ostfront mußten noch mehr deutsche Arbeiter zum Militär eingezogen werden. Die Methoden, mit denen Niederländer zum Arbeitseinsatz in Deutschland gezwungen wurden, wiesen nun eine immer größere Brutalität auf. Im Januar wurde die Dienstpflicht für Männer im Alter zwischen 18 und 60 Jahren und für unverheiratete Frauen zwischen 18 und 40 Jahren eingeführt (Schumann 1990 : 200). Der Urlaub der niederländischen Arbeiter wurde für verfallen erklärt, weil viele von ihnen nach ihrem Urlaub nicht mehr nach Deutschland zurückgekehrt waren. Damit waren die niederländischen Arbeiter praktisch in Deutschland gefangen. Die Ankündigung der Besatzungsbehörden, daß die niederländischen Kriegsgefangenen, die 1940 nach Hause entlassen worden waren, nun wieder nach Deutschland deportiert werden sollten, löste in den Niederlanden einen Generalstreik aus. Dieser wurde jedoch schnell durch Anwendung brutaler Gewalt, d.h. durch Massenerschießungen, beendet. Verstärkt fanden nun Razzien statt, da viele niederländische Männer untertauchten, um dem Zwangseinsatz in Deutschland zu entgehen. Von den Studenten, die aufgefordert wurden, sich für den Arbeitseinsatz in Deutschland zu melden, erschienen nur 40 %, von den Berufssoldaten 70 % (Schumann 1990 : 215).

In den Briefen von Zwangsarbeitern, die von der deutschen Zensur abgefangen wurden, fanden sich Klagen über das "Sklavenleben" in Deutschland, über schlechte Behandlung und schlechte Versorgung, die religionsfeindliche Haltung der Nazis sowie über Versuche, die Niederländer propagandistisch zu beeinflussen oder sogar für die Waffen-SS anzuwerben (Schumann 1990 : 217f.). Obwohl etwa ein Fünftel der niederländischen Männer untertauchte, stieg die Zahl der Zwangsarbeiter weiter an. Im September 1944 befanden sich etwa 250.000 niederländische Zwangsarbeiter in Deutschland.

In Krefeld gab es während des Krieges etwa 15.000 Fremd- und Zwangsarbeiter. Unter ihnen stellten die Niederländer mit 3400 Menschen die größte Gruppe, gefolgt von den Ukrainern mit 3000 und den Belgiern mit 2000 Menschen (Enzweiler 1994 : 8). Die niederländischen Fremdarbeiter waren dabei besser gestellt als die sogenannten Ostarbeiter. Sie konnten oft in Privatquartieren wohnen und erhielten eine reguläre Bezahlung. In Krefeld arbeiteten viele Fremdarbeiter in Betrieben wie den "Deutschen Edelstahlwerken" , bei der IG Farben in Uerdingen oder bei der "Reika", der Rheinischen Kunstseidefabrik in Linn. Aber auch kleine Betriebe und Gaststätten beschäftigten Fremdarbeiter. Viele der niederländischen Fremdarbeiter in Krefeld stammten aus der Gegend von Helmond und Eindhoven. Sie kamen als "Grenzgänger", also als Pendler, zur Arbeit nach Krefeld. Für sie gab es eigene Sonderzüge, die von Eindhoven über Venlo und Kaldenkirchen nach Kempen fuhren, von wo aus es mit der Krefelder Eisenbahn ("Schluff") weiter nach Krefeld ging (Kleinewefers 1978 : 168).

Obwohl die Arbeit als Grenzgänger einer Dienstverpflichtung beim Arbeitsdienst in den meisten Fällen vorgezogen wurde, war auch bei diesen Arbeitern die Unzufriedenheit groß. Im Jahre 1941 berichtete der Sicherheitsdienst der SS, daß von den 4500 niederländischen Grenzgängern in Mönchengladbach fast 900 vertragsbrüchig geworden und nicht mehr auf ihren Arbeitsstellen erschienen waren (Boland 1993 : 68). In den ersten Jahren des Krieges waren Niederländer in solchen Fällen meist milder behandelt worden als z.B. Polen, doch als das Zwangsarbeitssystem immer mehr Brutalität entwickelte, gingen die deutschen Behörden schärfer gegen sogenannte "Vertragsbrecher" vor. In solchen Fällen konnte der betreffende Fremdarbeiter mit Wochen oder Monaten Haft in einem "AEL - Arbeitserziehungslager" bestraft werden. Solche Lager gab es auch in Krefeld und Rheydt, sie stellten eine Vorstufe zu einem Konzentrationslager dar. Die Inhaftierten mußten bis zu 16 Stunden Schwerarbeit leisten, erhielten keine warmen Mahlzeiten und wurden einem Rede- und Rauchverbot unterworfen (Enzweiler 1994 : 42). Wer sich mehrmals der Zwangsarbeit entzog oder bei Sabotageaktionen erwischt wurde, konnte in ein Konzentrationslager eingewiesen werden, was extreme Mißhandlung und Lebensgefahr bedeutete. Aber auch die normale Arbeit als Fremdarbeiter war gefährlich, da die deutschen Rüstungsbetriebe von den Alliierten bombardiert wurden. Zwar durften die Niederländer, anders als die "Ostarbeiter", in der Regel zusammen mit ihren deutschen Kollegen die Luftschutzbunker aufsuchen, doch ein gewisses Risiko blieb auch hier. Von den 3400 niederländischen Fremd- und Zwangsarbeitern in Krefeld kamen 35 um, davon 23 bei Luftangriffen (Billstein 1980 : 47). Insgesamt starben 8500 niederländische Zwangsarbeiter während des Krieges (Erbe 1993 : 302). Zu den Gefährdungen kam die weitgehende Rechtlosigkeit der niederländischen Arbeiter. Aus dem Jahr 1943 ist ein Fall aus Mönchengladbach bekannt, wo der niederländische Arbeiter Antonius Lieberwerth gegenüber einem deutschen Kollegen äußerte, die Deutschen hätten "Holland ausgefressen, ausgeplündert und ausgestohlen". Daraufhin verprügelte der Deutsche den Niederländer. Lieberwerth wurde anschließend von der Gestapo verwarnt, der Deutsche nicht (Boland 1993 : 52).

Immerhin blieb den Niederländern in den grenznahen Gebieten das Schicksal erspart, nach der Befreiung als "displaced persons" durch die Nachkriegszeit zu irren, so wie es vielen Osteuropäern erging. Sie konnten in der Regel sehr schnell in ihre Heimat zurückkehren. Eine Entschädigung für die geleistete Zwangsarbeit haben sie aber bis heute nicht erhalten.

Von deutscher Seite wurden Forderungen nach Entschädigungen oft unter Hinweis auf unklare rechtliche Ansprüche abgelehnt. Der niederländische Staat bemühte sich allerdings auch nicht, klare Abmachungen über Entschädigungszahlungen für ehemalige Zwangsarbeiter mit dem deutschen Staat oder deutschen Unternehmen zu treffen (vgl. Oudesluijs 1991: 88).

© Stadt Krefeld, Der Oberstadtdirektor. Fachbereich Schule, Pädagogischer und Psychologischer Dienst. Krefeld, 22.04.98

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Andreas Nilges: Entwicklung der deutsch-niederländischen Arbeitsmigration nach 1945

 

Nach der deutschen Besatzung der Niederlande und den begangenen Kriegsverbechen waren die deutsch-niederländischen Beziehungen auf einem Tiefpunkt angekommen. Nach der Befreiung der Niederlande 1945 gab es Bestrebungen, alle Deutschen in den Niederlanden, ungeachtet ihrer persönlichen Lebensgeschichte und ihres Verhaltens im Krieg, auszuweisen. Dies hätte also auch Emigranten betroffen, die vor den Nazis in die Niederlande geflüchtet waren, ebenso deutsche Dienstmädchen oder Minenarbeiter in Limburg, die schon längere Zeit in den Niederlanden gearbeitet hatten. Eine sofortige Ausweisung der etwa 25.000 in den Niederlanden lebenden Deutschen wurde allerdings von den Alliierten verhindert, die die sozialen Probleme im Deutschland durch eine zusätzliche Flüchtlingswelle nicht noch weiter verschlimmern wollten. In den Niederlanden meldete vor allem die katholische Kirche Zweifel am Sinn einer generellen Abschiebung an und schlug statt dessen eine Prüfung des individuellen Verhaltens im Krieg vor. Dieser Forderung wurde auch nachgegeben, mit dem Ergebnis, daß etwa 8.000 Deutsche zumindest eine vorläufige Aufenthaltserlaubnis erhielten (vgl. Henkes 1995 : 200ff.).

An eine weitere Arbeitsmigration von Deutschen in die Niederlande war natürlich einige Zeit nicht zu denken. Andererseits bot das stark zerstörte Deutschland der Nachkriegszeit auch wenig Anreize für Niederländer. Dennoch registrierte das niederländische "Centraal Bureau voor de Statistiek" bereits 1948 wieder fast 2000 Niederländer, die nach Deutschland emigrierten. Auch während der fünfziger Jahre wanderten jährlich etwa 2000 Niederländer nach Deutschland aus. In den sechziger und siebziger Jahren stieg die Emigration auf etwa 6000-7000 Emigranten jährlich an. In den achtziger und neunziger Jahre waren es wieder zwischen 4000 und 5000 Niederländer jährlich, die nach Deutschland emigrierten. Allerdings gibt diese Statistik keine nähere Auskunft über die Gründe der Emigration (Heirat oder Arbeitsmigration). Dennoch läßt der Anstieg der Emigration in den sechziger Jahren einen Zusammenhang mit der zunehmenden Anziehungskraft der deutschen Wirtschaft für Arbeitsmigranten vermuten.

In den Grenzregionen Deutschlands und der Niederlande sind außerdem die Grenzpendler zu beachten, die ihrer Arbeit in Nachbarland nachgehen. Erhebungen der "euregio rhein-maas-nord" weisen hier für das Jahr 1996 etwa 3000 Niederländer aus, die in deutschen Gebiet der "euregio" arbeiten. Insgesamt arbeiten etwa 16.000 niederländische Grenzpendler in Deutschland während umgekehrt nur ca. 1300 Deutsche zur Arbeit in die Niederlande fahren (euregio 1997 : 16). Bei deutschen Arbeitnehmern in den Niederlanden scheint es allerdings eine stärkere Tendenz zur Ansiedlung im Nachbarland zu geben. Grund dafür sind wohl die niedrigeren Lebenshaltungs- und Baukosten in den Niederlanden.

© Stadt Krefeld, Der Oberstadtdirektor. Fachbereich Schule, Pädagogischer und Psychologischer Dienst. Krefeld, 22.04.98

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Andreas Nilges: Literaturverzeichnis

 

 

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© Stadt Krefeld, Der Oberstadtdirektor. Fachbereich Schule, Pädagogischer und Psychologischer Dienst. Krefeld, 22.04.98

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